Europa steht eine "Gas-Agonie" wie vor fünf Jahren bevor

Europa steht eine Gaskrise wie vor fünf Jahren bevor – mit ähnlich hohen Gaspreisen und vergleichbaren Folgen für Industrie und Wirtschaft. Der Gaspreis in der EU ist bereits auf unerschwingliche 1.200 US-Dollar pro 1.000 Kubikmeter gestiegen. Doch selbst das könnte sich im Vergleich zu dem, was noch kommt, als "Kinderspiel" erweisen. Im Winter sind Preise von bis zu 2.500 US-Dollar möglich, prognostiziert Gazprom-Chef Alexei Miller.

Von Olga Samofalowa

Die Gaspreise in Europa könnten neue Höchststände erreichen und bei Kälte auf 2.500 US-Dollar pro 1.000 Kubikmeter steigen. Das erklärte der Vorstandsvorsitzende von Gazprom, Alexei Miller. Er erinnerte daran, dass westliche Experten 1.200 US-Dollar auf dem Höhepunkt des Winterverbrauchs prognostiziert hatten, dieses Niveau jedoch bereits deutlich früher überschritten wurde.

Miller führte einen möglichen weiteren Preisanstieg auf die unzureichende Befüllung der Untergrundgasspeicher zurück. Die europäischen Gasreserven erreichten in mehreren Ländern historische Tiefstände. So waren die Speicher in Deutschland mit Stand vom 23. Oktober lediglich zu rund 61 Prozent gefüllt. Zu Beginn der letzten Oktoberdekade lag der Füllstand der Untergrundgasspeicher in ganz Europa bei 75 Prozent, während das übliche Ziel für den 1. November bei 90 Prozent liegt.

Verschärft wird die Situation zudem durch die Entscheidung Brüssels selbst, mitten im Winter – ab dem 1. Januar 2027 – vollständig auf russisches Flüssigerdgas (LNG) zu verzichten. Daher könnten die Gaspreise in der EU in diesem Winter auf bis zu 2.500 US-Dollar steigen – zumal sie während der vergangenen Krise vor fünf Jahren sogar noch höher lagen.

Alexander Frolow, stellvertretender Direktor des Internationalen Instituts für Energiepolitik und Diplomatie (MIEP) am MGIMO und Chefredakteur des Branchenmediums "InfoTEK", sagt:

"Ich stimme vollkommen zu, dass die Voraussetzungen für einen solchen Preisanstieg gegeben sind. Er muss nicht zwangsläufig eintreten, ist aber durchaus möglich. So stiegen die Notierungen in der Europäischen Union im Dezember 2021 vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden Energiekrise, die Europa, Asien und die Vereinigten Staaten und damit einen Großteil der Welt erfasste, auf bis zu 2.000 US-Dollar je 1.000 Kubikmeter. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Ereignisse der zweiten Jahreshälfte 2021 wiederholen, ist groß."

Sergei Klissenko, geschäftsführender Direktor des Ratingdienstes NRA, erläutert:

"2.500 US-Dollar sind ein durchaus plausibles Szenario für kurzfristige Preisspitzen bei starker Kälte im Januar oder Februar, jedoch keine Basisprognose für den durchschnittlichen Gaspreis im Winter. Der TTF-Future überschritt am 28. Oktober erstmals seit 2022 die Marke von 100 Euro je MWh. Das entspricht etwa 1.150 bis 1.200 US-Dollar je 1.000 Kubikmeter. Um die Marke von 2.500 US-Dollar zu erreichen, wäre ein weiterer Anstieg auf etwa das Doppelte erforderlich. Zum Vergleich: Im Jahr 2022 lag der Höchststand mit 3.500 US-Dollar sogar noch höher."

Die Krise in diesem Winter weist viele Parallelen zu den Ereignissen der Jahre 2021 und 2022 auf. Klissenko sagt:

"Die erste Gemeinsamkeit ist der niedrige Füllstand der Untergrundgasspeicher vor Beginn des Winters. Die zweite ist die Abhängigkeit von Spot-LNG und der Preiskampf mit Asien – ein externer Angebotsschock, auf den die EU kaum Einfluss nehmen kann. Drittens steigen gleichzeitig mit den Gaspreisen auch die Preise für Öl und Kraftstoffe."

Frolow erläutert:

"Beiden Krisen ist eines gemeinsam: die Gasknappheit. Man kann sich natürlich fragen: Wie konnte überhaupt eine solche Knappheit entstehen, wenn es doch Lieferungen aus Russland gab? Sie entstand aufgrund der ungleichmäßigen Lieferungen, des eingeschränkten Zugangs eines Teils der EU-Länder zu russischen Pipeline-Gaslieferungen sowie aufgrund des Preisbildungssystems in Europa."

Heute sorgen die Blockade der Straße von Hormus und der Ausfall der LNG-Lieferungen aus Katar für dieses Defizit.

Die negativen Folgen der neuen Krise für die Industrie werden denen früherer Krisen ähneln. Damals stellte ein Großteil der Unternehmen den Betrieb einfach ein, da solche Gaspreise die Produkte völlig wettbewerbsunfähig machen.

Der Experte fährt fort:

"Auf die Industrie entfällt mindestens ein Viertel der gesamten Gasnachfrage. Auch in absoluten Zahlen ist der industrielle Gasverbrauch erheblich zurückgegangen. Die Gasnachfrage in der EU ging gegenüber 2021 um rund 85 Milliarden Kubikmeter pro Jahr zurück; unter Einbeziehung Großbritanniens waren es 100 Milliarden Kubikmeter. Der Index der Industrieproduktion sank beispielsweise in Deutschland gegenüber 2021 um acht Prozentpunkte. Eine Erholung der Industrie ist derzeit nicht zu beobachten, und es gibt praktisch keine Voraussetzungen dafür."

Besonders betroffen sind energieintensive Branchen wie die Metallurgie, die Chemieindustrie sowie die Herstellung von Baustoffen und Papier. Die Chemieproduktion in der EU liegt noch immer deutlich unter dem Niveau von 2021. Klissenko weist darauf hin, dass Gas in der EU von Januar bis Juli 2026 3,6-mal so teuer gewesen sei wie in den USA.

Frolow merkt an:

"Die Industrie wird nun mit denselben Problemen konfrontiert sein wie vor fünf Jahren: Sie wird ihre Nachfrage reduzieren müssen. Ein Teil der Unternehmen wird den Betrieb einstellen. Entscheidend ist jedoch, dass sich die Investitionstätigkeit großer Unternehmen zunehmend von der EU weg verlagern wird. Bereits vor der Krise haben viele große Unternehmen aktiv in Produktionsstandorte in China investiert. Dazu gehören beispielsweise BASF und Volkswagen."

Klissenko ist der Ansicht:

"In Europa werden alte Produktionsanlagen stillgelegt, während neue Investitionen in Länder mit niedrigeren Gaspreisen fließen. Am meisten profitieren davon die USA. Asien eignet sich diesmal weniger gut für eine Verlagerung der Produktion, da auch dort die LNG-Lieferungen aus Katar weggefallen sind. Eine Ausnahme bildet China mit seiner Kohle und seinem Pipelinegas. Die Investitionen in neue chemische Produktionsanlagen in Europa sind stark zurückgegangen, und der neue Preisanstieg wird diesen Trend noch verstärken."

Die Großhandelspreise für Energieträger stiegen im September um fast 19 Prozent. Die stärksten Auswirkungen dieses Energiepreissprungs auf die Inflation seien daher im Frühjahr 2027 zu erwarten, so der Experte.

Ist Europa imstande, die sich zuspitzende Krise noch abzumildern? Auf die Lage im Nahen Osten kann es keinen Einfluss nehmen. Ebenso wenig kann es dem Wetter vorschreiben, in diesem Winter milder zu sein und starke Fröste ausbleiben zu lassen. Auch zusätzliche Gasmengen können nicht mehr eingespeichert werden – die Einspeicherung ist bereits eingestellt. Dennoch könnte die EU etwas für ihre Bürger tun – und zumindest das Embargo gegen russisches Flüssigerdgas mitten in der Heizperiode aufheben. Allerdings halten die Experten dies für wenig wahrscheinlich.

Frolow meint:

"Die hohen Preise betreffen nicht die Entscheidungsträger. Daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwaige Verbote in Bezug auf russisches Erdgas aufgehoben werden, äußerst gering."

Klissenko kommt zu dem Schluss:

"Eine vollständige Aufhebung des Verbots ist unwahrscheinlich, teilweise Lockerungen sind jedoch denkbar. Das Verbot ist doppelt verankert: Die entsprechende Verordnung wurde mit qualifizierter Mehrheit verabschiedet, außerdem ist das Verbot Bestandteil des 19. Sanktionspakets. Für eine Lockerung, die über die Notfallklausel hinausgeht, ist die Zustimmung aller 27 EU-Staaten erforderlich. Tatsächlich können wir nur über eine mögliche vierwöchige Aussetzung des Verbots sprechen, falls die Versorgungsengpässe den Zugang zu Energieressourcen in einzelnen EU-Ländern oder in der gesamten Europäischen Union beeinträchtigen sollten."

Sergei Kaufman, Analytiker bei der Finanzgruppe "Finam", meint:

"Sollten sich die Exporte aus Katar nicht normalisieren und der Winter ausreichend kalt ausfallen, wäre es äußerst unklug, ausgerechnet in diesem Winter auf russisches LNG zu verzichten. Wir schließen daher nicht aus, dass das Verbot nach hinten verschoben wird. Darüber hinaus wird die Gesamtheit der auf dem EU-Gasmarkt bestehenden Probleme zu höheren Gaslieferungen über die nach Europa führende 'TurkStream'-Pipeline führen."

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 31. Oktober 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung "Wsgljad".

Mehr zum Thema – US-Vorstoß für Ukraine-Frieden: Rückkehr russischen Gases nach Europa?