Die Grundursachen der Sonderoperation in der Ukraine sind im Westen zu suchen

Von Igor Karaulow
Die objektiv bedingte Dauer der militärischen Sonderoperation Russlands in der Ukraine führt zwangsläufig dazu, dass diejenigen, die die aktuellen Ereignisse verfolgen, allmählich vergessen, womit alles begann. Doch gerade das dürfen wir keinesfalls vergessen.
Denn der militärischen Sonderoperation ging eine Vorgeschichte voraus, und derzeit jähren sich zum fünften Mal wichtige Ereignisse, die mit den Versuchen verbunden waren, sich mit der NATO zu verständigen und einen großangelegten Konflikt zu vermeiden.
So fanden Mitte Oktober 2021 Gespräche zwischen der US-Unterstaatssekretärin für politische Angelegenheiten Victoria Nuland und Vertretern des russischen Außenministeriums sowie der Präsidialverwaltung statt, bei denen die bilateralen Beziehungen und Fragen der regionalen Sicherheit, einschließlich des Donbass, erörtert wurden. Ende Oktober fand ein Telefongespräch zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem britischen Premierminister Boris Johnson statt, bei dem die Ukraine-Frage zur Sprache kam. Am 18. November 2021 beauftragte Putin das Außenministerium, ein Abkommen über Sicherheitsgarantien mit den USA und den NATO-Mitgliedstaaten auszuarbeiten. Am 17. Dezember desselben Jahres wurde dieses Dokument an die betreffenden Parteien übermittelt. Darin schlug Russland der NATO vor, auf eine Osterweiterung zu verzichten und ihre militärischen Aktivitäten auf dem Territorium der Ukraine und anderer osteuropäischer Staaten einzustellen. Die Ukraine-Frage war dabei Teil des allgemeinen Kontexts der Beziehungen zur NATO.
Russland versuchte, einen Dialog mit dem Westen aufzubauen, doch Ende 2021 wurde klar, dass man dort nicht mit uns reden wollte. Im Gegenteil: Die NATO beschleunigte demonstrativ ihr militärisches Vordringen auf das Territorium der Ukraine. Gleichzeitig verzeichnete Russland eine Verstärkung der militärischen Aktivitäten Kiews im Donbass.
Zu jener Zeit war es für den Westen von grundsätzlicher Bedeutung, sich zu weigern, mit Russland Fragen zu erörtern, die dessen Sicherheit betrafen. Westliche Politiker strebten danach, Russland nach der Niederlage der UdSSR im Kalten Krieg dauerhaft eine abhängige Stellung zuzuweisen. Doch Russland war zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr dasselbe Land wie Anfang der 1990er Jahre.
Bei uns wird über den Ausdruck "sich von den Knien erheben" oft ironisiert. Doch tatsächlich zeigte Russland bis Ende 2021 – trotz der Sanktionen, von denen bereits damals zahlreiche verhängt worden waren – ein hohes Entwicklungstempo, stärkte spürbar seine wirtschaftliche und politische Souveränität und begann, zu den technologischen Spitzenreitern aufzuschließen. Das Land hatte die Zeit der globalen Coronavirus-Pandemie erfolgreich überstanden und baute sein Infrastruktur- und Logistikpotenzial weiter aus. Genau zu diesem Zeitpunkt war Russland in der Lage, berechtigte politische Forderungen zu stellen, über die es in den 20 oder 25 Jahren zuvor noch geschwiegen hatte.
Waren diese Erfolge Russlands für den Westen offensichtlich? Ohne Zweifel. Doch erstens wollten die westlichen Akteure die veränderte Machtverteilung nicht anerkennen, und zweitens suchten sie nach Wegen, Russlands wachsende Möglichkeiten einzudämmen.
Einer dieser Wege war der "geopolitische Ausbruch" in der Ukraine. Zu diesem Zweck versorgte der Westen das Kiewer Regime mit Geld und Waffen und förderte die gewaltsame Unterdrückung des prorussischen Donbass, in der Erwartung, früher oder später eine Reaktion Russlands hervorzurufen. Damals ging der Gegner davon aus, dass Russland irgendwann keine andere Wahl haben würde, als einzugreifen, einem Konflikt mit dem kollektiven Westen jedoch nicht standhalten könne.
Wenn wir daher heute – mit all den bitteren Erfahrungen, die wir in diesen fünf Jahren gesammelt haben – zurückblicken und darüber nachdenken, ob es möglich gewesen wäre, die Sonderoperation in der Ukraine zu vermeiden, müssen wir diese Frage mit "Nein" beantworten. Um eigene Sicherheitsinteressen zu schützen, eigene Fortschritte zu sichern und die Möglichkeit zur weiteren Entwicklung zu bewahren, war Russland gezwungen, in einen offenen Konflikt mit dem Westen zu treten und die militärische Sonderoperation zu beginnen.
Was haben wir nun in diesen fünf Jahren erreicht? Diejenigen, die auf unser bescheidenes Vorrücken an der Front verweisen, übersehen meiner Meinung nach das Wesentliche und berücksichtigen bei ihren Einschätzungen nicht die Grundursachen dieses Konflikts. Man sollte sich daran erinnern, dass sich der Westen Ende 2022 in seiner überheblichen Weigerung, mit Russland zu sprechen, nur noch stärker verfestigt hatte: Zum offiziellen Ziel wurde es, "Russland auf dem Schlachtfeld zu besiegen". Im Jahr 2023 versuchte man dann, dieses Ziel zu erreichen, wurde jedoch zurückgeschlagen; doch der Gedanke, einfach im Kreml anzurufen, kam den westlichen Entscheidungsträgern weiterhin nicht in den Sinn.
Im Jahr 2024 zeigten sich in der NATO bereits erste Risse. Und seit dem vergangenen Jahr ist die bisherige Strategie gänzlich zusammengebrochen: Während Donald Trump begann, seinen "allerbesten Deal" voranzutreiben, machte sich Europa auf die Suche nach seinem Platz – sei es am Verhandlungstisch, unter dem Tisch oder wenigstens auf einem dazugestellten Hocker. Der jüngste Anruf der skandinavischen Politiker Stubb und Støre bei Präsident Putin war schließlich der Startschuss für ein Wettrennen darum, wer zuerst mit dem Kreml sprechen würde.
Russland konnte sich sowohl diplomatisch als auch auf dem Schlachtfeld behaupten, und nun sind wir an der Reihe, ohne großen Eifer auf die Vorschläge westlicher Politiker zu reagieren. Die Zeit arbeitet, wenn auch langsam, zu unseren Gunsten. So ist etwa die im Sommer entstandene Benzinknappheit inzwischen überwunden, was bedeutet, dass sich die Taktik der Angriffe auf Ölraffinerien nicht bewährt hat. Russland reagiert zügig auf neue Angriffe, indem es den Schutz seiner wichtigsten Infrastruktur- und Industrieanlagen neu organisiert und verbessert. Aber wie die Ukraine die bevorstehende Krise bei Logistik sowie der Strom- und Wärmeversorgung übersteht, wird sich im Frühjahr zeigen.
Letztendlich wird Russland – um den Preis einer irreversiblen Degradierung der Ukraine – das Ziel erreichen, das vor fünf Jahren gesetzt wurde. Der Westen, der seine frühere Selbstüberschätzung hinter sich lässt, wird mit uns sprechen und sich auf einen Frieden einigen, in dem unsere Interessen berücksichtigt werden.
Die Frage, warum der Westen dies nicht schon früher getan hat, "bevor es zu spät war", überlassen wir den Historikern.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 30. Oktober 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
Igor Karaulow ist ein russischer Dichter und Publizist.
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