Meinung

CeMas-Studie zur "Desinformation" – Satire oder Bettelbrief?

Ja, diese russische Desinformation, die angeblich überall lauert – wenn es dann um konkrete Belege geht, stößt man auf aufgeblasenes Nichts. Und vor allem viel Eigeninteresse derjenigen, die mit solchen "Studien" ihr täglich Brot verdienen.
CeMas-Studie zur "Desinformation" – Satire oder Bettelbrief?© CeMas

Von Dagmar Henn

Die FAZ hat aus der frisch veröffentlichten "Studie" von CeMas gleich einen Artikel gemacht, in dem vor der bösen russischen Desinformation gewarnt und vermeintlich eine Beeinflussung der letzten Landtagswahlen belegt wird. Traurig für die Kollegen von der FAZ, die damit nur ihre begrenzten Lesefähigkeiten und ihren Unwillen zur Recherche dokumentiert haben. Dieses Papier ist nämlich derart unseriös, dass man es am besten gleich als gelungene Satire über die Zunft der Medienüberwacher konsumiert.

Der ganze Laden ist übrigens der Milliardärsfamilie Reimann zu verdanken, die das über ihre Alfred Landecker Foundation mit 2,8 Millionen Euro aufgepäppelt hat. Seit 2024 hängt die Truppe an öffentlichen Forschungsgeldern und Spenden. Die öffentlichen Gelder, unter welcher Überschrift auch immer sie zugewandt wurden, sind auf jeden Fall eine Aufgabe für den Bundesrechnungshof, auch wenn Philipp Morris Deutschland diese Truppe 2023 mit dem Preis "Power for Democracy" ausgezeichnet hat. Wirklich eine schräge Mischung aus Kaffee und Zigaretten.

Aber zurück zu der "Studie". Die FAZ machte daraus "Merz ist häufigstes Ziel russischer Desinformation". Allerdings – das, was da ausgewertet wurde und wofür unsere Helden nach eigenen Angaben eine "in der Ukraine entwickelte KI-gestützte Plattform für narrative Intelligenz zur Erkennung und Analyse von Informationsmanipulation" eingesetzt haben, kommt einem eher so vor, als habe da jemand irgendwo einen Nachmittag lang Langeweile gehabt.

Nur so als Kostprobe das, was von der furchterregenden Tätigkeit einer von ihnen als Matrjoschka oder Operation Overload bezeichneten Truppe berichtet wurde:

"Im Zeitraum zwischen 30. Juni und 16. September 2026 dokumentierte CeMAS 196 gefälschte Videos mit Logos von Medienorganisationen sowie 20 gefälschte Titelseiten von Tageszeitungen und Magazinen mit thematischem Bezug zu Deutschland, die von nicht-authentischen Accounts auf der Social-Media-Plattform X verbreitet wurden."

Rein spaßeshalber habe ich mir gegönnt, weil es vor allem um Beiträge auf X geht (bei den anderen beiden angeführten Fällen übrigens auch), mir dafür eine Stellungnahme der X-eigenen KI Grok zu holen, man muss ja nicht jede Rechnung selbst machen. Die Antwort fiel in etwa so aus, wie ich erwartet hatte:

"Relative Größenordnung:

  • Das entspricht im Schnitt ca. 2,5 gefälschten Videos pro Tag.

  • Schätzungen zur täglichen Aktivität auf X in Deutschland (Stand 2025/2026) gehen von 20.000–80.000 Accounts aus, die mindestens einen Post veröffentlichen. Der Anteil an Video-Posts mit Deutschland-Bezug (sprachlich, thematisch oder geografisch) liegt konservativ im Bereich mehrerer Tausend bis niedriger Zehntausend pro Tag.

  • Hochgerechnet auf den 78-Tage-Zeitraum ergibt sich ein Gesamtvolumen von Hunderttausenden bis mehreren Millionen relevanten Video-Posts.

  • 196 attributierbare gefälschte Videos liegen damit im Bereich von deutlich unter einen Promille (häufig im Sub-Promille-Bereich) des geschätzten relevanten Datenverkehrs."

Es geht aber noch weiter. Denn witzigerweise behaupten die beiden CeMas-Autoren, diese Posts hätten eine große Reichweite. Nachdem wir schon festgestellt hatten, dass die Menge objektiv äußerst gering ist, hier die Grok-Antwort dazu:

"Selbst bei restriktiver Betrachtung nur politischer/wahlbezogener Videos bleibt der Anteil sehr gering. Die absolute Zahl und die kumulierten Views werden in der Berichterstattung oft als Beleg für 'großes Ausmaß' hervorgehoben, ohne den Kontext des Gesamtvolumens auf der Plattform. CeMAS selbst betont die künstliche Amplifizierung und die begrenzte organische Reichweite."

Allerdings ist das noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Denn die von dieser Truppe selbst veröffentlichten Belege werfen noch ganz andere Fragen auf. So wie dieser hier:

Wirklich wunderhübsch. Da sind zwar Logos deutscher Medien, aber die Aussagen sind auf Englisch. Genau das Richtige, wenn man Wahlen in östlichen Bundesländern beeinflussen will – in denen zumindest die ältere Generation in der Schule noch Russisch lernte, nicht Englisch, also von diesen Botschaften ziemlich sicher gar nicht erreicht wird.

Englisch ist aber noch nicht der Gipfel des Vergnügens – auch Niederländisch ist im Angebot, bekanntlich eine in Sachsen-Anhalt besonders beliebte Sprache. Klar, man kann sich das auf X übersetzen lassen, aber ungefähr genauso schnell kann man da überprüfen lassen, ob ein Video oder ein Foto echt ist, einfach durch einen Klick auf das Symbol oben rechts ... Insofern ist X eine etwas ungünstige Plattform, um völligen Unfug zu erzählen.

Aber die Truppe ist doch auch fleißig für ihr Geld und wertet diese tollen 196 gefälschten Videos statistisch aus, mit dem Ergebnis, dass 49 dieser Videos Bundeskanzler Friedrich Merz "diskreditieren". Stimmt, das kann er eigentlich ganz gut allein. Aber immerhin haben die zwei Helden bewiesen, dass sie 196 Videos nach dargestellten Personen sortieren können. Diese Zahl ist dann übrigens die Grundlage für die oben zitierte Überschrift der FAZ ...

Außerdem haben sie den Streisand-Effekt entdeckt – es seien Links zu diesen Videos an Faktencheckorganisationen geschickt worden. Damit sollten sie "überlastet und abgelenkt werden" – oder es geschah, "um konkrete Falschbehauptungen bei der Widerlegung zu wiederholen und so ihre Reichweite zu erhöhen". Was von beidem nun? Und überhaupt, eine Überlastung bei 196 Videos in zweieinhalb Monaten? Wurden da die lieben Faktenchecker übermäßig vom Kaffeetrinken und Videospielen abgelenkt oder was?

Die zweite erwähnte Kampagne, die angeblich im Auftrag der russischen Präsidialverwaltung arbeiten soll, ist "Doppelgänger" – mit der hat sich der bayerische Verfassungsschutz schon vor zwei Jahren blamiert, und da war das Zahlenverhältnis ähnlich. Extrem wenige Posts, kaum Reichweite. Wobei die Autoren der aktuellen "Studie" noch ein hübsches Ei legen:

"Außerdem thematisierten die Posts das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland und die wahrgenommene Benachteiligung der Menschen in ostdeutschen Bundesländern. Die Posts zeichneten ein negatives Bild der Lebensverhältnisse in Ostdeutschland im Verhältnis zu Westdeutschland, beispielsweise bei Einkommen, Infrastruktur und Repräsentation, und machten die aktuellen Regierungsparteien – die CDU/CSU und die SPD – dafür verantwortlich."

Wenn es danach geht, muss das Statistische Bundesamt auch Teil einer russischen Desinformationskampagne sein, das bestätigt nämlich diese Unterschiede. Und was die politische Verantwortung angeht – mindestens eine, wenn nicht beide Parteien waren an jeder Bundesregierung seit 1990 beteiligt, also wer sollte sonst verantwortlich sein? Ach, Verzeihung, Wladimir Putin natürlich.

Aber was schert schon die Wirklichkeit? Es ist wirklich extrem erstaunlich, dass ein derartiges Papier in den Medien ernst genommen wird. Die Relevanz entspricht ungefähr jener einer Studie über die Nasenbohrdichte bei saarländischen Klempnern, sortiert nach Wochentagen.

Noch ein weiteres schönes Beispiel: eine Grafik zu einem einzelnen Post, über den Zeitraum von drei Tagen … Es geht dabei um ein Video, das Wahlfälschungen in Berlin zeigen soll.

Super. Also dieser Post wurde am 20. September um die Mittagszeit 500-mal weitergereicht. Allerdings – das waren natürlich nicht alles Berliner. Wenn wir den statistischen Anteil der Berliner an der gesamten deutschen Bevölkerung zum Maßstab nehmen, sind von diesen 500 ganze 4,43 Prozent oder 22 Personen Berliner. Mit Sicherheit ein Post, der das Wahlergebnis an ebendiesem 20. September entscheidend beeinflusst hat. Noch wirkungsvoller waren dabei vermutlich die über 500 vom 21. September, am Tag nach der Wahl ... Allmählich erhält man den Eindruck, die Truppe hätte einen Auftrag. Nämlich den, die ganze Zunft dieser Desinformationsbekämpfer gründlich zu diskreditieren.

Weshalb man sich dann natürlich fragt, was das Ganze überhaupt soll. Die Lösung dafür wird auf Seite 22 von 27 präsentiert. Nämlich hier:

"Um ausländische Einflussversuche frühzeitig erkennen und einordnen zu können, braucht es zudem verlässliche Monitoring- und Analysekapazitäten. Landesregierungen sollten hierfür unabhängige Forschungseinrichtungen und zivilgesellschaftliche Organisationen langfristig stärken und gemeinsam mit den zuständigen Bundesbehörden klare Verfahren für den Informationsaustausch und die Bewertung möglicher Einflussversuche etablieren."

Da ist er also, des Pudels Kern. Das ganze Ding ist ein umfangreicher Bettelbrief, dessen einzige Funktion darin besteht, Politikern mit schwachen Lesefähigkeiten und ohne Statistikkenntnisse den Eindruck zu vermitteln, CeMas erfülle eine zentrale Funktion und müssten deshalb dringend besser gefördert werden. Gut verpackt, wie man es in diesen Kreisen gelernt hat. Und damit das Eigeninteresse nicht so sehr auffällt, wird dann gleich die Einrichtung eines "Krisenstabs mit klar benannten Akteuren aus Landesregierungen, Wahlbehörden, Cybersicherheits- und Sicherheitsbehörden" für künftige Landtagswahlen gefordert. Für 196 Posts in zweieinhalb Monaten. Wobei, damit könnte diese Reimann-Truppe noch, wie Mephisto, stets das Böse wollen und stets das Gute schaffen – denn alle Kräfte, die dann mit eifriger Jagd nach zwei Posts pro Tag beschäftigt sind, können in der Zeit wenigstens sonst keinen Unfug anstellen.

Eigentlich bräuchte man für diese Art "Forschung" einen ganz neuen Begriff. Das selbst Desinformation zu nennen, greift nicht richtig. Vielleicht Postinformation?

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