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Estland setzt vermehrt auf dialektalen Unterricht an Schulen

Das estnische Bildungsministerium möchte den Unterricht estnischer Dialekte an den Schulen des Landes ausweiten. Unter gewissen Bedingungen soll der Dialektunterricht dann sogar eine zweite Fremdsprache ersetzen können. Nicht alle Pädagogen sind von der Maßnahme überzeugt.
Estland setzt vermehrt auf dialektalen Unterricht an Schulen

Die estnische Bildungsministerin Kristina Kallas möchte, dass estnische Dialekte an den Schulen des baltischen Staates den gleichen Status wie Fremdsprachen erhalten. Dies gab sie Anfang Oktober auf der Seite des estnischen Kultusministeriums bekannt.

Das Angebot von Dialektunterricht wird einem Gesetzentwurf zufolge künftig nicht mehr im Ermessen der einzelnen Schule liegen, sondern obligatorisch sein, wenn mindestens zehn Schüler dies wünschen. Es sei – so Kallas – die Aufgabe der Schulen, die lokale Sprache und Kultur zu erhalten.

Bisher unterrichten nur zwanzig allgemeinbildende Schulen in Estland Dialekte als Unterrichtsfach, weitere 155 Bildungseinrichtungen bieten Grundkenntnisse an. Mithilfe von Fördermitteln soll diese Zahl gesteigert werden. Das Bildungsministerium konnte Ende Oktober verkünden, dass die erste Antragsrunde 59 Bildungseinrichtungen mit insgesamt 10.000 Schülern umfasst.

Gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Sender ERR verwies Bildungsministerin Kristina Kallas darauf, dass ihr Gesetzentwurf auf eine notwendige Gleichstellung hinarbeite. Kinder, deren Muttersprache Russisch oder Ukrainisch sei, hätten immer noch das Recht auf zwei Stunden muttersprachlichen Unterricht in der Woche. Kinder, die einen Dialekt sprechen, seien diesbezüglich bisher benachteiligt worden.

Doch es gibt auch Bedenken. Schulleiterin Kaare Lill etwa begrüßt zwar generell das Vorhaben, weist jedoch laut ERR darauf hin, dass womöglich nicht genügend Lehrer an den Schulen den örtlichen Dialekt beherrschen. Schließlich kämen die Lehrkräfte oft aus dem ganzen Land. Andere Schulleiter sehen ihren Handlungsspielraum eingeschränkt und hätten die Freiwilligkeit des Angebots lieber beibehalten.

Schülervertreter wiederum befürchten, der Dialektunterricht könne zu einer Mehrbelastung bei Kindern und Jugendlichen führen, wenn sie eine Stunde zusätzlich erhalten. Im schlimmsten Fall könnten die überlasteten Kinder eine Abneigung gegenüber dem Dialekt entwickeln.

Andererseits sei das Quorum von zehn Erziehungsberechtigten, die Dialektunterricht für ihr Kind beantragen müssen, damit dieser stattfindet, viel zu hoch angesetzt. So gebe es beispielsweise kleine Inseln mit weniger als zwanzig Schülern, an denen diese Vorgabe nur schwer zu erfüllen sei. Auch die Finanzierung des Ganzen sehen manche Kritiker noch keineswegs als gesichert an.

Von den rund 1,36 Millionen Einwohnern Estlands gelten 950.000 als estnische Muttersprachler. Laut der letzten Volkszählung von Statistik Estland sprechen weitere 17 Prozent Estnisch als Fremdsprache. Die estnische Sprache ist in acht Hauptdialekte gegliedert, die sich in zwei Gruppen aufteilen: das Nord- und das Südestnische. Abgesehen von der Regionalsprache Võro gelten die Dialekte als untereinander verständlich.

Allerdings spricht nur eine Minderheit der estnischen Muttersprachler in dem nördlichsten baltischen Staat Dialekt. Die Zahl der Dialektsprecher umfasst etwa 131.000 Menschen. Die Mehrzahl der ethnischen Esten gebraucht im Alltag ausschließlich die Standardsprache. Dem Zensus von 2022 zufolge hat die Zahl der Menschen, die einen estnischen Dialekt beherrschen, seit der letzten Erhebung von 2011 zugenommen. Manche sprechen sogar zwei Dialekte.

Die Gruppe der Dialektsprecher ist indes stark überaltert. So sprechen 22,6 Prozent der über 65-jährigen eine regionale Variante des Estnischen, aber nur 3,1 Prozent der Kinder bis 14 Jahre. Mit dem neuen Unterrichtskonzept könnte die Zahl der Dialektsprecher auch unter jungen Leuten wieder zunehmen.

Die Förderung der Dialekte fällt in eine Zeit, in der in allen drei baltischen Staaten die Bildungsbehörden das Russische bewusst zurückdrängen. In Estland wird Russisch an allen Schulen und Kindergärten des Landes bis zum Jahr 2030 als Unterrichtssprache abgeschafft – eine Maßnahme, die die Kinder der russischsprachigen Minderheit der Möglichkeit beraubt, Unterricht in ihrer Muttersprache zu erhalten.

Ob Russisch auf die Dauer wenigstens als Fremdsprache erhalten bleibt, ist ungewiss. Estland könnte auch den Weg des südlichen Nachbarlandes Lettland gehen, wo Russisch auch als Fremdsprache künftig nicht mehr gelehrt werden soll.

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