
Polen: Massengrab auf früherem deutschem Stalag-Gelände entdeckt

In Polen sind am vergangenen Montag Relikte der nationalsozialistischen Verbrechen ans Tageslicht gekommen. Der Fund ereignete sich in der Stadt Stargard, die im Westteil Polens in der Woiwodschaft Westpommern gelegen ist. Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs lag die Stadt im Deutschen Reich und hieß Stargard in Pommern.
Damals beherbergte Stargard – wie so viele andere deutsche Städte – ein Kriegsgefangenenlager, in der militärischen Abkürzungsformel der Wehrmacht Stalag (für Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlager) genannt. In Stargard war es das Stalag II-D. Es handelte sich sogar um eines der größten Kriegsgefangenenlager überhaupt auf Reichsgebiet. Zehntausende durchliefen es.

Ab Herbst 1939 diente es als Lager für Soldaten verschiedenster Nationen, aber auch für polnische Zivilisten, darunter Frauen und Kinder. Wissenschaftliche Schätzungen gehen davon aus, dass rund 6.000 Menschen die insbesondere für die slawischen Gefangenen unmenschlichen Lebensumstände im Lagersystem nicht überlebten.
Ihre sterbliche Überresten spüren seit dem Jahr 2021 polnische Forscher auf. Die Massengräber waren zuvor in jahrelanger Forschung mit Unterstützung von Lokalhistorikern entdeckt worden. Früher waren Ausgrabungen nicht möglich gewesen, weil auf dem Gelände ein militärischer Übungsplatz und eine Mülldeponie waren.
Die Ausgrabungsaktion wird vom polnischen Ministerium für Kultur und Nationales Erbe und der Woiwodschaft Westpommern mitfinanziert. Bisher haben die Forscher in jedem Jahr die Gebeine von Opfern der NS-Herrschaft gefunden – außer im Jahr 2025, als keine Grabungen stattfanden.
Insgesamt sind es bisher die sterblichen Überreste von rund 400 Menschen, darunter auch polnische Zivilisten. Die Wissenschaftler haben bereits katholische Medaillons und sogar Kinderschuhe ausgegraben. Und die Forscher vermuten noch mehr Gebeine im Boden des ehemaligen Stalag.
Auch dieses Jahr wurden die Wissenschaftler von der Pommerschen Medizinischen Universität Stettin (Pomorski Uniwersytet Medyczny w Szczecinie = PUM) fündig. Wie unter anderem der katholische Radiosender Radio Maryja berichtet, fand das Ausgrabungsteam der PUM bereits am vergangenen Montag, dem ersten Tag der neuen Exhumierungsrunde, die Gebeine von mehreren Dutzend Menschen. In polnischen Medienberichten ist von bisher 57 Toten die Rede.
Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich bei den erst kürzlich entdeckten Knochenfunden um die sterblichen Überreste von Rotarmisten, die im Dezember 1941 aufgrund der Lagerbedingungen dem Hunger oder einer Epidemie zum Opfer gefallen waren. Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden besonders grausam behandelt. In den Lagern der Wehrmacht bekamen sie gerade in der Winterhälfte 1941/42 kaum Nahrung und andere zum Überleben notwendige Mittel.
Radio Maryja zitiert Andrzej Ossowski, Professor an der PUM und Leiter der Grabungskampagne, mit den folgenden Worten: "Es handelt sich um ein Grab, in dem Kriegsgefangene begraben sind. Vermutlich handelt es sich dabei hauptsächlich um sowjetische Kriegsgefangene. Das Jahr? Wahrscheinlich 1941. Wir wissen, in welchem Zeitraum wir uns zeitlich befinden."
Der Wissenschaftler von der Stettiner Universität betont: "Auf dem Friedhof haben wir bisher jedoch viele verschiedene Nationalitäten gefunden, aber nicht nur Kriegsgefangene, wir haben auch Zivilisten gefunden, die nach dem Scheitern des Warschauer Aufstands hier gebracht wurden."
Mit der Ausgrabung ist die Arbeit der Forscher noch lange nicht beendet. Es werden genetische und forensische Untersuchungen erfolgen. Denn das medizinische Team der PUM will die Todesursache der NS-Opfer ermitteln und – wenn möglich – deren Identität feststellen. Mithilfe einer Gendatenbank, aber auch durch Lagernummern. So können die Nachfahren und Verwandten der Ermordeten womöglich auch nach über 80 Jahren von den Umständen erfahren, unter denen ihre Angehörigen ums Leben gekommen sind.
In den kommenden Jahren will das Exhumierungsteam seine Arbeit fortsetzen, bis das Lagergelände vollständig erforscht ist. Nach dem Abschluss der Ausgrabungen ist bereits eine Kriegsgräberstätte auf dem Gelände des einstigen Stalag geplant.
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