
Sächsische Kommune hält an Verbot von Stolpersteinen fest

Ende September 2026 hatte der Stadtrat der sächsischen Mittelstadt Heidenau für gesamtdeutsches und internationales Aufsehen gesorgt: AfD, CDU und das Bündnis Oberelbe hatten einen gemeinsamen Antrag zum Holocaust-Gedenken im Ratsgremium durchgesetzt. Dem letztlich erfolgreichen Antrag zufolge sollte die Stadt keine weiteren Stolpersteinen im öffentlichen Straßen- oder Gehweg-Bereich mehr verlegen lassen.

Vielmehr war der Wunsch der Ratsmehrheit, dass das Gedenken für die Opfer "von Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus" künftig auf einem Areal innerhalb des Nordfriedhofs stattfinden solle. Als Begründung für den Entschluss diente der Hinweis, dass man mit dem Verzicht auf Stolpersteine verhindern wolle, dass Passanten diese respektlos behandelten.
Ein Aufschrei der Empörung prasselte auf die 17.000-Einwohner-Stadt in der Sächsischen Schweiz los. Sogar die Politik auf Bundesebene griff in die Diskussion ein: So sprach Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) gegenüber dem Springer-Medium Bild von einem "Skandal" und argumentierte:
"Wer Stolpersteine und Gedenkorte jüdischen Lebens aus dem öffentlichen Raum auf den Friedhof verbannt, stellt das Sterben über das Leben und macht Jüdinnen und Juden noch einmal unsichtbar."
Wie kann das im Deutschland des Jahres 2026 überhaupt eine Debatte sein? Am Vorabend von Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, wollen gewählte Vertreter in Heidenau neue Stolpersteine für Opfer der Nationalsozialisten verbieten – und ihre Erinnerung aus den Straßen an den Stadtrand verbannen. Diese Steine tragen Namen. Erinnern an Leben. An Nachbarn, die deportiert und ermordet wurden. Ihre Erinnerung gehört mitten in unsere Städte. Nicht versteckt an deren Rand. Das ist beschämend. Und vor den anstehenden Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern muss eines klar sein: Deutschland braucht eine Brandmauer gegen Antisemitismus – von ganz rechts und ganz links. Ohne Ausnahme.
— Botschaft Israel (@IsraelinGermany) September 20, 2026
Auch Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig äußerte sein Unverständnis über die Entscheidung. Seit dem Jahr 1992 hat Demnig laut Stiftungsangaben mehr als 116.000 Stolpersteine verlegt. Die Beton-Steine mit Metallüberzug erinnern meist vor den früheren Wohnhäusern von Opfern des Nationalsozialismus an deren Verfolgung und enthalten Informationen zu deren Lebens- und Sterbedaten. Mittlerweile sind sie nicht nur in Deutschland zu finden, sondern auch in vielen anderen Ländern.
Auch international war die Kritik an der Entscheidung der 13 Stadträte groß. Christoph Heubner, der Exekutiv -Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, sprach in einer Pressemitteilung von einem "durchsichtigen und schäbigen Versuch, Heidenauer Opfer der Nazis erneut aus der Stadt hinauszuwerfen und sie dahin zu entsorgen, wohin das Gedenken nach Meinung der AfD schon längst gehört: Auf den Friedhof." Auch die Zusammenarbeit der Heidenauer CDU mit den örtlichen AfD-Ratsmitgliedern kritisierte Heubner in scharfen Worten.
Die Berliner Botschaft des Staates Israel empfand den Heidenauer Antrag ebenfalls als "beschämend". Mit der Entscheidung werde die Erinnerung an die Opfer der Nationalsozialisten aus den Straßen an den Stadtrand verbannt.
Apropos Stolperstein-Diskussion in Heidenau: Das Projekt „Stolpersteine“ geht auf Gunter Demnig zurück. Das Konzept wurde 1993 veröffentlicht, die ersten 25 Steine verlegte Demnig 1995 in Köln zunächst ohne behördliche Genehmigung. Ende 2014 wurde die gemeinnützige „Stiftung – Spuren – Gunter Demnig“ gegründet, die das Projekt seit 2015 trägt. Der Name „STOLPERSTEINE“ ist markenrechtlich geschützt. Nach Angaben der Stiftung sind inzwischen rund 116.000 Stolpersteine in mehr als 1.860 Kommunen und 31 europäischen Ländern verlegt worden. Ein Stolperstein kostet derzeit 120 Euro. Zu diesem Preis entsprächen 116.000 Steine einem Gesamtvolumen von rund 13,9 Millionen Euro. Diese Zahl ist allerdings nur ein rechnerischer Gegenwert zum heutigen Preis, da die Steine früher günstiger waren und die tatsächlich seit Beginn gezahlte Summe deshalb niedriger liegt. Gunter Demnig selbst wird aus der Stiftung bezahlt. Nach deren eigener Darstellung arbeitet er für die „Stiftung – Spuren – Gunter Demnig“ als selbstständiger Mitarbeiter und erhält ein „durchschnittliches Festgehalt“. Eine konkrete Höhe wird öffentlich nicht genannt. Finanziert werden die einzelnen Stolpersteine überwiegend durch Spenden und Patenschaften. Paten können Privatpersonen, Unternehmen, Vereine, Schulklassen, Parteien, Bildungseinrichtungen und andere Institutionen sein. In einzelnen Städten und Gemeinden werden Stolpersteine oder begleitende Kosten zudem aus öffentlichen Mitteln finanziert oder bezuschusst. Hinzu kommt eine öffentlich finanzierte Infrastruktur rund um das Projekt. Dazu gehören etwa Recherche, Bildungsarbeit, lokale Koordination, Veranstaltungen sowie die Betreuung von Stolperstein-Projekten durch Museen, Archive, Vereine und kommunale Einrichtungen. Ein Beispiel ist Berlin: Das Land förderte das „Aktive Museum Faschismus und Widerstand in Berlin“ im Jahr 2022 mit 397.488 Euro institutionell. Als Verwendungszweck wurden sowohl die allgemeinen Aufgaben des Vereins als auch die „Aufgaben der Koordinierungsstelle Stolpersteine“ genannt. Die gesamte Summe kann deshalb nicht den Stolpersteinen zugerechnet werden, sie zeigt jedoch, dass auch die organisatorische Infrastruktur des Projekts mit öffentlichen Mitteln finanziert wird. Eine bundesweite Gesamtrechnung darüber, wie viel privates und wie viel öffentliches Geld seit Beginn unmittelbar oder mittelbar in das Stolperstein-Projekt geflossen ist, liegt bislang nicht vor.
— Philip Stein (@stein_schreibt) September 27, 2026
Insgesamt fünf Petitionen wurden gezeichnet, die das Verbot von Stolpersteinen in Heidenau kippen wollten. Doch wie der öffentlich-rechtliche Sender MDR und die zum Springer-Konzern gehörende Welt berichten, hält die Stadtratsmehrheit an der getroffenen Entscheidung fest.
Demnach lehnten am Donnerstagabend zwölf Stadtratsmitglieder die Petitionen ab, fünf standen auf der Seite der Petenten und vier enthielten sich der Stimme. Damit bleibt es dabei: In Heidenau werden keine weiteren Stolpersteine mehr angelegt. Allerdings ist Bürgermeisterin Conny Oertel zufolge auch noch nicht klar, wo der geplante zentrale Gedenkort entstehen soll.
Das Modell des Gedenkens mithilfe von Stolpersteinen ist nicht ganz unumstritten. Neben der Gefahr der Herabwürdigung der Opfer, wenn Passanten auf die in den Steinen verewigten Namen treten, stoßen sich manche auch an den in ihren Augen zu hohen Umsatzzahlen der Stiftung, die das Markenrecht für die Steine innehat.
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