
Steinmeier zum Tag der Einheit: "Ich bin überzeugt: Unser Deutschland ist ein gutes Land"

Da Bremen derzeit die Präsidentschaft im Bundesrat innehat, findet das diesjährige zentrale Fest in der Hansestadt statt. Nach einem morgendlichen ökumenischen Festgottesdienst im Bremer Dom, erfolgte der offizielle Festakt im Konzerthaus, wo dann Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor zahlreichen geladenen Gästen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Zivilgesellschaft seine Rede zum Tag der Deutschen Einheit hielt.
RT DE zitiert aus einem längeren Beitrag, der bereits auf der Webseite des Bundespräsidenten vollständig nachzulesen ist.
Die Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 3. Oktober 2026 in Bremen:
Heute vor 36 Jahren war eine tiefe Wunde geheilt – eine Wunde, die Deutschland zuvor über vier Jahrzehnte hinweg aufgewühlt, belastet und in einem unnatürlichen Zustand der inneren Spaltung gehalten hatte ...
Ja, was für ein Glücksmoment, vor 36 Jahren! Wir sind heute, in guter föderaler Tradition, in Bremen, um uns diese Momente in Erinnerung zu rufen. Die meisten von uns haben weder Mauerfall noch Vereinigung selbst vor Ort – in Berlin – erlebt, auch ich nicht. Man muss aber auch nicht in Berlin gewesen sein, um diese historische Zäsur zu begreifen ...
Viel Zeit ist vergangen – aber wir sollten den bestimmenden Gefühlen im Moment unserer wiedergewonnenen Einheit noch einmal Raum geben in unseren Herzen. Dafür ist der Tag der Deutschen Einheit da. Dass wir in uns wieder lebendig werden lassen, was uns so bewegt hat: Einheit und Freiheit und Frieden in Europa ...
Der oftmals geschmähte Bundespräsident Frank Walter Steinmeier trat mit dieser nachdenklichen und kraftvollen Rede jeder Annäherung an den Zeitgeist der (sozial)medialen Substanzlosigkeit entgegen und forderte zur Auseinandersetzung mit den Demokratiefeinden von Rechtsaußen auf!
— Ralf Stegner MdB (@Ralf_Stegner) October 3, 2026

Momente des Mutes, Momente der Hoffnung – wir dürfen sie nicht aus den Augen verlieren. Ich spreche also den folgenden Satz mit Bedauern und einer gewissen Traurigkeit aus. Wir leben zur Zeit nicht in jener Welt der Zuversicht und der Hoffnung, aus der wir kommen. Viele von uns, und wahrlich nicht nur im Osten des Landes, zeigen sich in ihren Erwartungen enttäuscht. Die politische Realität bei uns zu Hause und in der Welt hat uns ihre harte und bittere Seite gezeigt ...
Bald vier Jahrzehnte nach der Deutschen Einheit, nach vielfachen, ich glaube, historisch beispiellosen Anstrengungen des Aufbauens und Erneuerns, erklären große Teile der Bürgerschaft ihr Misstrauen gegen die politische Ordnung der Bundesrepublik. Ich will nicht sagen, dass sie sich gegen die Demokratie an sich wenden. Aber, um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht.
Ich halte jeden, der heute ein Wahlrecht genießt, das es in der Diktatur nicht gab, für berechtigt und mündig, selbst zu entscheiden. Jede Stimme zählt, jede ist ernst zu nehmen. Gerade deshalb können wir uns nicht um die Tatsache herumdrücken, dass ein Viertel, ein Drittel und mehr mit ihrer Wahlentscheidung bekunden, dass sie sich von wichtigen Grundrechten unserer Republik abwenden.
Steinmeier nennt, was diese Menschen umtreibt, eine Abwendung von den Grundrechten. Tatsächlich aber ist es ist die Abwendung von ihm, von seiner Partei, von der Politik, von den Kartellpartien und ihren Medien.
— Alexander Wallasch (@AlexWallasch) October 3, 2026
Es ist die Abwendung vom Hass und der Hetze der politische Klasse,…
Die Motive können individuell unterschiedlich sein. Ich glaube, niemand kennt sie allesamt. Doch bleibt es eine Tatsache: Wähler, die zu den Extremen gehen, pochen laut auf die eigenen Rechte, während sie bereit sind, die Rechte anderer zur Disposition zu stellen.
Die unerträgliche politische Demagogie extremistischer Kräfte, die eine Lust an der Zerstörung ausleben und andere Menschen verhöhnen und bedrohen, gefährdet heute nicht nur Freiheit und Demokratie. Sie gefährdet unsere Einheit.
Dennoch: Wir sollten uns durchaus ohne Schonung fragen, was in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten die Regierungen im Bund und in den Ländern versäumt haben, dass so viele Menschen sich abwenden und Extremisten so viel Resonanz finden.
Wir wissen längst, dass diese Erschütterung der Politik nicht auf eine Himmelsrichtung beschränkt ist. Wir wissen, sie ist ostdeutsch ebenso wie westdeutsch. Sie betrifft uns alle. Wenn so viele Wähler in ostdeutschen Ländern zu politischen Extremisten gegangen sind, so sollten wir über die hohen Prozentzahlen nicht vergessen: Die absolut meisten Wählerstimmen finden Extremisten in westdeutschen Ländern ...
Was für ein passend-diabolisches Rotlicht für diesen Spalter. Wer eine Rede zum glücklichsten Tag der Deutschen so beleuchtet, ist einem bösen Geist verfallen. Frank-Walter Steinmeier wird's gefallen. pic.twitter.com/UaKbjH4zPB
— Julian Reichelt (@jreichelt) October 3, 2026
Ich will nichts schönreden. Ja, Selbstkritik und Nachdenklichkeit muss es geben. Wir haben damit auch wahrlich nicht gespart. Wir haben einander nichts erspart in vielen Debatten. Wir sind die Schärfe der Auseinandersetzung gewohnt und können sie aushalten. Doch die besinnungslose Diffamierung der Bundesrepublik – unseres wiedervereinigten demokratischen Staates – ist eine Propagandalüge des Extremismus ...
Diesen Stolz verdient unser Land, dass wir uns das nicht gefallen lassen, weder von äußeren Mächten, die uns spalten und schwächen wollen, noch von Extremisten im Inneren, die unsere Demokratie verhöhnen. So viel Selbstachtung sollten wir haben, dass wir diesen Diffamierungen gemeinsam entgegentreten und am Tag der Deutschen Einheit etwas lauter und noch deutlicher sagen: Was gelungen ist, das schützen wir ...
Bevor das Internet die Vorherrschaft übernommen hat, wussten Medien jedoch zu unterscheiden, ob jemand aus Millionen von Wählerstimmen ein Mandat ableiten kann oder ob er individuellen Frust zum Ausdruck bringt. Man wusste zu unterscheiden, ob jemand mit ausgewiesener Expertise über sein Fachgebiet aufklärt oder ob er Hörensagen, Mythenglaube und Verschwörungsfantasien verbreitet ...
Mit Streitkultur hat das nichts mehr zu tun. Streitkultur müssen wir uns wieder zurückholen – um der Demokratie willen! ...
Es war mir eine Ehre, 🇦🇱 beim Festakt zum Tag der 🇩🇪Deutschen Einheit in #Bremen zu vertreten. Bundespräsident Steinmeier setzte ein starkes Zeichen für Zusammenhalt und Demokratie-Standing Ovations für seine Rede. Herzlichen Glückwunsch 🇩🇪!
— Albanian Ambassador to Germany (@AmbassadorALBde) October 3, 2026
🇦🇱🤝🇩🇪#TagDerDeutschenEinheitpic.twitter.com/3yynnzh6pM
Es ist ein Teufelskreis: Populistische Parteien aller Couleur destabilisieren die parlamentarische Demokratie. Die Bildung von stabilen Regierungen wird von Wahl zu Wahl schwerer, das Regieren auch. Denn Populisten und Extremisten sind als Aufpeitscher von Stimmungen allergisch gegen das Kleinklein des Regierens, gegen pragmatische Lösungen und gegen Kompromisse.
Und das geschieht in einer Zeit, in der wir überlegte, stetige, professionelle, durchhaltefähige Regierungspolitik dringender denn je brauchen, um die tieferen ökonomischen und sozialen Ursachen der Verunsicherung zu bearbeiten ...
Die Debatte über die Migration hat unsere Gesellschaft wie nichts anderes aufgewühlt. Inzwischen ist die Fluchtzuwanderung auf dem niedrigsten Stand seit fünfzehn Jahren. An der Unzufriedenheit mit der Politik hat das nichts Entscheidendes verändert ...
Allen Untergangsszenarien zum Trotz: Warum sollten wir heute nicht schaffen, was wir schon einmal geschafft haben? Ich will offen sein: Damals wie heute – der Schlüssel ist der politische Wille, eingefahrene Routinen zu verlassen. Wir können neues Wachstum nicht gewinnen, wenn alles so bleibt, wie es ist. Natürlich weiß ich auch: Das bereitet Sorge. Angesichts von Problemen sind Sorgen vernünftig, Ängste aber sind es nicht. Ängste sind lähmend und verbreiten Resignation ...
Am Tag der Deutschen Einheit geht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Menschen hart an, die die politische Situation in Deutschland kritisieren. „Ich will nicht sagen, dass sich alle gegen die Demokratie an sich wenden. Aber um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht.“… pic.twitter.com/XQqLRR31D9
— Apollo News (@apollo_news_de) October 3, 2026
Das ist meine Erfahrung in der Politik: Wo das Ziel stimmt, muss man Kurs halten. Es zahlt sich aus. Deutschland wird sicherer sein und stärker. Wir werden mehr Kraft haben für Solidarität und Zusammenhalt. Ich sage also: Bleibt entschlossen auch im Gegenwind. Habt Mut zur Erneuerung! ...
Eines ist gewiss: Wir dürfen unter keinen Drohungen einknicken. Unter Drohungen schwankt man nicht. Wir sollten die Ukraine in ihrem Abwehrkampf stetig und fest unterstützen. Und so sehr wir der größte Unterstützer der Ukraine sind, so sehr sollten wir auch unsere politische Rolle geltend machen, um die zukünftigen Bedingungen für Frieden und Sicherheit in Europa selbst zu beeinflussen ...
Es wird in den kommenden schwierigen Jahren anstrengend bleiben, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu fördern und die Einheit unseres Landes zu wahren. Anstrengender und fordernder als in der Vergangenheit.
Doch auf eines darf die künftige Präsidentschaft vertrauen: Millionen Bürger in allen Regionen unseres Landes wollen, dass wir ein freundliches, ein hilfsbereites und lebenswertes Land sind ...
Heute vor 36 Jahren gelang es, das geteilte Deutschland zu vereinen. Die Gewaltherrschaft hatte ihre Macht verloren. Die Diktatur war zurückgewichen ...
Erinnern wir uns! Verlassen wir für einen Augenblick die Verschanzungen unseres täglichen Missmuts. Geben wir heute zum Tag der Deutschen Einheit den Empfindungen Raum, die uns in jenem historischen Moment so bewegt haben. Mut und Hoffnung – sie sind nicht vergessen. Sie sind Quelle unserer Kraft auch heute!
Wir werden uns – davon bin ich überzeugt – in einer unruhigen Welt behaupten! Unser Deutschland ist ein gutes Land. Schaffen wir ein noch besseres!
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