
Rutte wirft Europa Doppelmoral bei russischen Energieimporten vor

NATO-Generalsekretär Mark Rutte hat europäischen Staaten Doppelmoral im Umgang mit russischen Energielieferungen vorgeworfen. Sie kritisierten US-Präsident Donald Trump wegen seines Dieselgeschäfts mit Moskau, kauften selbst aber weiterhin russisches Flüssigerdgas in Milliardenhöhe.

In der niederländischen Fernsehsendung Pauw & De Wit räumte Rutte am Donnerstag ein, dass einige europäische Länder wegen der russisch-amerikanischen Vereinbarung im vergangenen Monat "in Panik geraten" seien. Auch er selbst habe zunächst "eine Augenbraue hochgezogen". Zugleich wies er auf die anhaltenden Energieimporte aus Russland hin.
"Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres kaufte Europa russisches Flüssigerdgas im Wert von sechs Milliarden Euro. Das ist deutlich mehr, als dieses Dieselgeschäft jemals einbringen wird. Europa ist also auch nicht gerade unschuldig."
Auf den Einwand, dass Moskau durch das Dieselgeschäft zusätzliche Einnahmen zur Finanzierung seiner Militäroperationen erzielen könnte, entgegnete Rutte:
"Werden etwa Waffen mit den sechs Milliarden Euro finanziert, die Europa für russisches LNG ausgibt?"
Nach Schätzungen belief sich der Wert der russischen LNG-Lieferungen aus dem Projekt Jamal im ersten Halbjahr 2026 auf 5,96 Milliarden Euro. Bis Ende September stieg er auf 7,88 Milliarden Euro. Die EU hatte angekündigt, bis 2027 vollständig auf russische Energieträger verzichten zu wollen.
Trump hatte die Vereinbarung nach einem Telefonat mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am 9. Oktober bekannt gegeben. Russland sollte zunächst mehr als 300.000 Tonnen Diesel liefern. Für November waren weitere 500.000 Tonnen vorgesehen, anschließend eine Million Tonnen. Weitere drei Millionen Tonnen könnten hinzukommen. Der Gesamtwert des Geschäfts wird auf mehrere Milliarden US-Dollar geschätzt.
Das Abkommen stieß in Kiew und in der EU auf scharfe Kritik. Selenskij bezeichnete es als "schwache Entscheidung". Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas warnte, das Geschäft werde Moskau "zusätzliche Einnahmen zur Kriegsführung" verschaffen. Daraufhin forderte Trump einen neuen Präsidenten für die Ukraine, der zu einer Einigung mit Moskau bereit sei. Zugleich drängte er Selenskij, die Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen.
Rutte erklärte, er könne die Bedenken des ukrainischen Machthabers Wladimir Selenskij gegenüber dem Abkommen nachvollziehen. Allerdings könne derzeit nur Washington einen Teil der entscheidenden militärischen Unterstützung für Kiew bereitstellen, darunter Abfangraketen für die US-Luftabwehrsysteme Patriot. Darüber hinaus betonte Rutte die Bedeutung direkter Kontakte zwischen Washington und Moskau. Er verwies dabei auf die umfangreichen Atomwaffenarsenale beider Länder.
"Während der Kuba-Krise in den 1960er-Jahren gab es diese direkte Kommunikationsverbindung noch nicht. Damals standen wir als Welt kurz vor einem nuklearen Armageddon. Es ist wichtig, dass diese beiden Länder ein gutes Verhältnis zueinander haben."
Neben der Energiepolitik sprach Rutte in dem Interview auch über seine umstrittene Äußerung gegenüber Trump. Beim NATO-Gipfel im Juni 2025 hatte er den US-Präsidenten als "Daddy" bezeichnet. Zuvor hatte Trump Israel und Iran mit streitenden Kindern verglichen. Rutte hatte daraufhin erklärt, dass "Daddy manchmal eine deutliche Sprache verwenden muss". Auf die vielfach belächelte Formulierung angesprochen, räumte der NATO-Generalsekretär nun ein: "'Daddy' war ein unglaublicher Fehler. Dafür muss ich bis an mein Lebensende geradestehen."
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