Der russische Präsident Wladimir Putin hat sich zu den territorialen Fragen im Ukraine-Konflikt, zu den Beziehungen mit Europa und zu den Aussichten auf eine Friedensregelung geäußert. Nach seinem Treffen mit dem US-Sondergesandten Steve Witkoff erklärte er, Russland sei bereit, die trilateralen Kontakte zur Ukraine wieder aufzunehmen. Dabei solle es um eine dauerhafte Vereinbarung gehen, die die Sicherheit Russlands und der Ukraine gewährleiste.
In einem Interview mit Pawel Sarubin, Journalist und Autor des Nachrichtenprogramms Westi, nahm Putin auch zu jüngsten Äußerungen des ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenskij Stellung. Dieser hatte sich in einem Fernsehinterview auf die Frage, ob er bereit sei, den Verlust von Gebieten anzuerkennen, nach Sarubins Darstellung bejahend geäußert.
Putin: "Von territorialen Verlusten kann keine Rede sein"
Putin wies die Darstellung zurück, Russland müsse territoriale Verluste hinnehmen. Die betreffenden Gebiete gehörten seiner Auffassung nach zum historischen Russland. Die dort lebende Bevölkerung habe zunächst für die staatliche Unabhängigkeit und anschließend für die Wiedervereinigung mit der Russischen Föderation gestimmt.
"So ist es meiner Meinung nach unangemessen, von irgendwelchen territorialen Verlusten zu sprechen."
Putin räumte ein, dass die Frage weiterhin kontrovers diskutiert werden könne. Zugleich warf er Russlands ausländischen Gegnern vor, sie nutzten sie als Anlass für eine umfassende antirussische Kampagne. Insbesondere in europäischen Ländern werde zunehmend vor einer Bedrohung durch Russland gewarnt und von Vorbereitungen auf einen Krieg mit Russland gesprochen. Der russische Präsident bezeichnete diese Entwicklung als "eine Art politische Schizophrenie" und äußerte die Hoffnung, dass sie vorübergehen werde.
"Wir bereiten uns auf keinen Krieg mit Europa vor"
Putin erklärte, eine Niederlage Russlands auf dem Schlachtfeld sowie eine strategische Niederlage des Landes seien unrealistisch. Er hoffe, dass diejenigen, die Russland schwächen wollten, die gegenwärtigen Realitäten anerkennen und zu dem Schluss kommen, dass ein friedliches Verhältnis zu Moskau für alle Beteiligten vorteilhafter sei. Dies liege auch im Interesse ihrer eigenen Bevölkerungen.
Mit Blick auf die politische Stimmung in Europa sagte Putin, die europäischen Völker wollten keinen Krieg mit Russland.
"Ich möchte, dass man uns hört. Auch wir wollen keinen Krieg. Wir bereiten uns auf keinen wie auch immer gearteten Krieg mit Europa vor."
Putin: Warum soll die ganze Welt für die Ukraine kämpfen?
Der russische Präsident stellte infrage, warum andere Staaten die Verantwortung für die Fortsetzung des Ukraine-Konflikts übernehmen und Kiew mit Waffen, Munition und militärischer Ausrüstung versorgen sollten. Russland wolle keinen Krieg mit der Ukraine, erklärte er. Wenn die ukrainische Führung jedoch weiterkämpfen wolle, werde sie dies tun können. Putin betonte, dass sich die Unterstützung des Westens mit früheren Zusagen erklären lasse. Er kritisierte jedoch, dass diese Hilfe letztlich dazu führe, bis zum letzten Ukrainer zu kämpfen.
Zugleich stellte er infrage, ob eine Schwächung Russlands tatsächlich dem nationalen Interesse der Ukraine entspräche. Einige europäische Staaten könnten zwar das Ziel verfolgen, Russland zu schwächen, doch sei dies nicht zwangsläufig auch das Interesse der ukrainischen Bevölkerung. Putin warf der ukrainischen Führung vor, die eigenen Bürger wie Verbrauchsmaterial zu behandeln.
"Das sind doch immerhin IHRE Bürger, die kämpfen."
Nach Putins Darstellung würden ukrainische Männer wie herrenlose Hunde auf der Straße zusammengetrieben und gegen ihren Willen an die Front geschickt. Dies wirke sich negativ auf die Kampfmoral aus. Zwar gebe es weiterhin motivierte nationalistische Verbände, diese kämpften jedoch längst nicht immer an vorderster Front. Dort würden vielmehr die zwangsweise rekrutierten Männer eingesetzt.
Als weiteren Hinweis auf die nachlassende Kampfmoral führte Putin die Zahl der Deserteure an. Offiziell seien mehr als 300.000 Strafverfahren eingeleitet worden. Inzwischen werde öffentlich von rund 500.000 Deserteuren gesprochen. Die tatsächliche Zahl liege seiner Einschätzung nach sogar noch höher. Diese Entwicklung sei auch im Westen bekannt.
Putin: Russland hat stets eine friedliche Lösung angestrebt
Putin betonte, dass sich Moskau von Beginn an für eine friedliche Beilegung des Konflikts eingesetzt habe. Bereits im Jahr 2014 habe Russland der damaligen Ukraine angeboten, bei einer Verständigung mit dem Südosten des Landes zu helfen. Stattdessen seien Geschütze und Flugzeuge gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt worden, wodurch der Krieg praktisch entfesselt worden sei.
Auch die Minsker Vereinbarungen dienten laut Putin dem Ziel, eine Verständigung zwischen Kiew und jenem Teil der Ukraine zu erreichen, der den Staatsstreich abgelehnt hatte. Die ukrainische Führung habe sich darauf jedoch nicht eingelassen. Vor Beginn der militärischen Sonderoperation zum Schutz der Menschen im Donbass habe Moskau erneut versucht, eine Einigung zu erreichen. Die Gegenseite habe sich stattdessen für den Krieg entschieden, so Putin. Trotzdem sei Russland weiterhin bereit, eine Lösung für die schwierige Situation zu suchen. Die Ukrainer seien dem russischen Volk eng verbunden.
"Die jüngsten genetischen Untersuchungen zeigen, dass es sich eigentlich um ein Volk handelt: Russen und Ukrainer."
Putin räumte ein, dass andere Menschen die Geschichte und die gegenwärtige Realität möglicherweise anders betrachten. Moskau sei dennoch bereit, über eine Verständigung zu verhandeln. Sollte die Gegenseite jedoch einen anderen Weg wählen, werde Russland entsprechend handeln.
"In jedem Fall werden wir unsere Aufgaben lösen und sämtliche Ziele der militärischen Sonderoperation erreichen."
Moskau und Washington wollen trilaterale Kontakte wieder aufnehmen
Putin zufolge sollen die trilateralen Gespräche der Gewährleistung der Sicherheit Russlands und der Ukraine nach dem Abschluss eines endgültigen Friedensabkommens dienen. Es gehe nicht lediglich um eine vorübergehende Einstellung der Kampfhandlungen.
"Wir sind bereit, diese Kontakte zur Erreichung dieses Ziels wieder aufzunehmen."
Der Vertreter der US-Regierung habe zudem darauf hingewiesen, dass dabei auch die europäische Sicherheitsarchitektur berücksichtigt werden müsse. Putin erklärte, dass er diesen Ansatz grundsätzlich teile. Wie sich die Lage entwickeln werde, zeige sich in den kommenden Tagen. Nach Angaben des russischen Präsidentenberaters Juri Uschakow könnte die nächste Runde der trilateralen Verhandlungen im November in Abu Dhabi stattfinden. Putin hatte zuvor Witkoff erklärt, Russland sei bereit, die Gespräche in der zweiten Novemberdekade wieder aufzunehmen.
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