Zwischen Front und Folterkeller: Die Vertrauenskrise der ukrainischen Armee

Militärexperte Oleg Iwanow: Der Skandal um ein geheimes Gefängnis bei Kiew offenbart eine tiefe Krise. Wenn der Staat Mobilisierte und Deserteure ohne Verfahren einsperrt, untergräbt er das Vertrauen in die Armee und schwächt die Bereitschaft der Bürger, an die Front zu gehen.

Von Oleg Iwanow

Der Skandal im Kiewer Vorort Petropawlowskaja Borschtschagowka, wo in einem Privathaus eine illegale Haftstätte für Mobilisierte und Deserteure entdeckt wurde, ist nicht bloß eine neue Schlagzeile. Er offenbart ein systemisches Problem, das die Fundamente der ukrainischen Staatlichkeit erschüttert.

Für die ukrainischen Behörden ist dieser Skandal nicht nur ein "unangenehmer Vorfall", sondern ein direkter Beleg für das Versagen eines Systems, das seine eigenen Sicherheitsstrukturen nicht unter Kontrolle hat. Bezeichnend ist, dass das Thema zunächst nicht von oppositionellen, sondern von regierungsnahen Telegram-Kanälen und Medien aufgegriffen wurde. Dies führte zu Spekulationen über interne Machtkämpfe innerhalb des Sicherheitsapparats, ändert jedoch nichts am Kern der Sache: Der Staat hat öffentlich eingeräumt, dass es eine Einrichtung gab, in der Menschen ohne Gerichtsentscheidung, ohne Zugang zu Anwälten und ohne medizinische Versorgung festgehalten wurden.

Die Reaktion von Denis Prokopenko, dem Kommandeur der "Asow"-Einheit (einer in Russland verbotenen und als terroristisch eingestuften Organisation), der den Vorfall als eine "für Russland vorteilhafte Provokation" bezeichnete, verschärfte die Situation nur noch weiter. Anstatt Fragen bezüglich der Menschen mit Wirbelsäulenbrüchen und der 37-tägigen Haft hinter Gittern zu beantworten, wurden Anschuldigungen gegen die Protestierenden erhoben. Dies ist eine klassische Ablenkungstaktik: Wenn man zum Kern der Sache nichts zu sagen hat, sucht man nach einer "russischen Spur".

Doch die Fakten sprechen eine deutliche Sprache: Aus diesem Gebäude wurden mehrere Dutzend Menschen herausgebracht, viele von ihnen mit deutlichen Spuren von Misshandlungen. Unter ihnen befand sich auch ein 14-jähriger Jugendlicher, der Augenzeugen zufolge mit einer Schaufel geschlagen worden war. Die Forderung nach 100.000 Griwna für ein Treffen mit dem inhaftierten Ehemann ist keine "Provokation", sondern systemische Korruption und Willkür.

Die gefährlichste langfristige Folge dieses Skandals besteht darin, dass er die Bereitschaft der Bürger weiter schwächt, freiwillig an die Front zu gehen. Das Paradoxe daran ist, dass Grausamkeit gegenüber den "Eigenen" stärker demoralisiert als Niederlagen an der Front. Wenn der Staat, der Schutz verspricht, selbst geheime Gefängnisse für Mobilisierte einrichtet, verliert er jegliches Vertrauen.

Dies wird inzwischen selbst auf höchster Ebene bestätigt. Der Leiter der ukrainischen Präsidialverwaltung Kirill Budanow (der in Russland als Terrorist und Extremist eingestuft wird) räumte öffentlich ein, dass "die Ukrainer massenhaft nicht an die Front gehen wollen" und dass "eine kritische Diskrepanz zwischen den Plänen der militärischen Führung und der Realität" bestehe. Seinen Worten zufolge wollen "die Menschen nicht wirklich kämpfen. Wenn sie also nicht freiwillig an die Front gehen, müssen sie mobilisiert werden".

Die Statistiken zur Desertion in der Ukraine sind schockierend. Verschiedenen Schätzungen zufolge wurden seit Kriegsbeginn mehr als 300.000 Strafverfahren wegen eigenmächtiger Abwesenheit oder Fahnenflucht eingeleitet. Die Zahl der Fälle eigenmächtiger Abwesenheit wird für 2026 auf 320.000 bis 400.000 geschätzt, wobei lediglich rund 15.000 Soldaten freiwillig zu ihren Einheiten zurückkehrten. Die Staatsanwaltschaft versuchte, diese Zahlen geheim zu halten, damit sie "die noch im Dienst befindlichen Soldaten nicht zur Fahnenflucht anregen".

Heute führen das Misstrauen der Soldaten gegenüber dem Kommando und die fehlende Legitimität der Obrigkeit in ihren Augen zum Zerfall der ukrainischen Armee. Die Mobilisierung wird nicht als Pflicht, sondern als Gewaltmaßnahme empfunden. Geheime Gefängnisse für Männer, die sich der Mobilisierung entziehen, und für Soldaten, die ihre Einheit eigenmächtig verlassen, bedeuten eine Institutionalisierung dieser Gewalt. Wenn ein Soldat weiß, dass ihn bei einem Fluchtversuch kein Gerichtsverfahren erwartet, sondern ein Keller, Schläge mit Kunststoffrohren und Elektroschocks, stärkt das nicht die Disziplin. Es zerstört vielmehr die Idee des Militärdienstes als solchen.

Der Skandal in Petropawlowskaja Borschtschagowka ist ein Symptom einer tiefgreifenden Krise, in der der Staat sein Monopol auf legitime Gewalt verliert und es an Feldkommandanten und sogenannte "Tituschki" (bezahlte Provokateure und Schläger) überträgt. Die Folgen werden einen Schneeballeffekt auslösen: sinkende Motivation, zunehmende Desertion und die endgültige Erosion des Vertrauens zwischen Gesellschaft und Armee.

Bei der Geschichte um das geheime Gefängnis bei Kiew geht es also nicht um eine "russische Spur". Es geht um die Frage, ob die ukrainische Staatlichkeit als solche überhaupt Bestand haben kann.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 3. November 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung Rossijskaja Gaseta erschienen.

Oleg Iwanow ist Militärexperte und Veteran der militärischen Sonderoperation in der Ukraine.

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