Von Dmitri Kossyrew
Ein oder zwei Zehntel Prozent – eigentlich eine Kleinigkeit, selbst wenn es um das BIP einer riesigen Volkswirtschaft geht. Aber die Zahl an sich ist etwas Lebensloses; wie sie jedoch wahrgenommen wird (vor allem, wenn es um Hunderte Millionen, wenn nicht sogar Milliarden von Menschen geht) – darin liegt etwas ewig Lebendiges, das sich ständig verändert; etwas, das auch lehrreich ist.
Die Rede ist von einer weiteren Korrektur der Prognosen für das weltweite Wirtschaftswachstum für 2026 – seitens des Internationalen Währungsfonds (IWF). Der IWF veröffentlicht seine Prognosen zweimal im Jahr und tut dies schon seit längerer Zeit. Nun liegt die zweite Prognose für dieses Jahr vor. Und sie enthält scheinbar keine überraschenden Erkenntnisse. Die Weltwirtschaft soll um 3,1 Prozent wachsen – das ist ein Zehntel (0,1) Prozent mehr als im Frühjahr angenommen. Zu diesem Wert soll vor allem die chinesische Wirtschaft beitragen (4,5 Prozent), wobei insbesondere die US-Wirtschaft mit 2,3 Prozent bremsend wirkt. Doch – und hier kommen die Emotionen ins Spiel – für China wurde die Prognose im Vergleich zum Frühjahr gesenkt, allerdings nur um denselben Zehntelprozentpunkt.
Und welche Emotionen löste diese Nachricht aus? Hier verbirgt sich eine ganze Geschichte, die zeigt, wie sich das Selbstverständnis des kollektiven Westens in den letzten Jahren veränderte. Das heißt: die Vorstellungen der Westler darüber, wer sie sind und wohin ihr Weg führt.
Bereits im Jahr 2019 stellte die britische Zeitung The Guardian fest, dass die westliche Welt (in diesem Fall das Publikum, das sich zur jährlichen Konferenz in Davos versammelt) diese Prognosen des IWF nun nicht mehr so betrachtet wie früher. Und zwar: "Heutzutage spielt es keine Rolle mehr, inwieweit die US-Wirtschaft mit 'Wachstumssteroiden' aufgepumpt ist. Wichtig ist vielmehr: Wenn die chinesische Wirtschaft an Fahrt verliert, bremst das auch die Weltwirtschaft aus. Selbst die Vereinigten Staaten geraten dann ins Straucheln. Und während die USA einst der Motor der Weltwirtschaft waren, haben sie nun einen ebenbürtigen Partner jenseits des Pazifiks."
So sieht also die neue Wahrnehmung aus. Doch wie war es früher, also lange vor dem inzwischen schon weit zurückliegenden Jahr 2019? Damals befanden sich die Westler in der Phase des Schocks und der Realitätsverleugnung. Die sich häufenden statistischen Daten, die darauf hindeuteten, dass China zu einem gleichwertigen Konkurrenten der USA aufstieg, wurden mit den üblichen Argumenten 'bombardiert': Den Angaben Pekings könne man nicht trauen, die Chinesen könnten lediglich gestohlene Technologien kopieren, der Erfolg sei nur vorübergehend, da in dem Land eine Autokratie herrsche, die nicht erfolgreich sein könne, und so weiter.
Schock und Verleugnung – klingt schon irgendwie vertraut, nicht wahr? Dazu gibt es eine hervorragende Geschichte aus der Gegenwart. Der ehemalige Außenminister Singapurs, George Yeo, begann nach seinem Rücktritt (2011), die Dinge so zu sagen, wie sie sind – ganz ohne Diplomatie. Und vor wenigen Tagen äußerte er sich genau zu diesem Thema: dazu, wie die USA und der übrige Westen das Wachstum Chinas und den Aufstieg der asiatischen Großmacht mindestens bis auf Augenhöhe mit den USA – in Wirklichkeit sogar auf der Spitzenposition – wahrnehmen.
Dabei zitierte der Singapurer die bekannte Formel dafür, wie die menschliche Psyche auf schwere Probleme reagiert: Verleugnung, Wut, Verhandeln, Depression, Akzeptanz. In den asiatischen Medien entbrannte darüber eine lebhafte Debatte. Unter anderem erklärte einer der Autoren der Hongkonger Asia Times dem ehemaligen Minister, seine Formel aus dem Jahr 1969 sei inzwischen überholt. Inzwischen gehe man in der Psychologie einen Schritt weiter und unterscheide nicht mehr fünf, sondern sieben Phasen der typischen Reaktionskette: Schock, Verleugnung, Wut, Verhandeln, Depression, eine Rekonstruktion der Situation (nach dem Motto: "Man muss etwas unternehmen") und schließlich Akzeptanz.
Na gut, es gibt sieben Phasen, aber der eigentliche Streit dreht sich darum, wo sich die USA und andere westliche Länder derzeit in diesem System befinden. Schock und Verleugnung scheinen bereits hinter ihnen zu liegen, ebenso wie die Wut – schließlich waren sie selbst für die Deindustrialisierung, die politische Spaltung und die wachsende Ungleichheit verantwortlich, aber es ist einfacher, auf jeden anderen wütend zu sein als auf sich selbst. Und heute sei die Phase des Verhandelns eingetreten, sagt George Yeo. Die Westler provozierten China nicht mehr zum Kampf, sondern versuchten, die Regeln für das künftige Spiel mit ihm festzulegen.
Das stimme nicht, entgegnet dem Diplomaten der Autor der Hongkonger Publikation. Der Westen bestehe aus vielen Menschen, die sich untereinander nicht einig seien. Deshalb befänden sich die einen noch immer in der Schockphase, während die anderen bereits damit beschäftigt seien, die Situation zu korrigieren – zugleich aber zerfleischen sie sich gegenseitig.
Tatsächlich herrscht unter ihnen keine Einigkeit. Besonders interessant ist dabei zu beobachten, wie die Amerikaner ihre eigenen Zukunftsaussichten einschätzen – inzwischen ganz unabhängig von China und der Weltwirtschaft. Es gibt Pessimisten, die vorhersagen, der wahre Albtraum könne im kommenden Jahr oder 2028 beginnen. Zur Katastrophe werde es kommen, wenn der Schuldendienst für die Staatsschulden (nur die Staatsschulden!) 20 Prozent der Staatsausgaben ausmache – wieder einmal diese Magie runder Zahlen. Derzeit entfallen auf die Bedienung ihrer Verpflichtungen noch 19 Prozent der Staatsausgaben, also 1,2 Billionen US-Dollar pro Jahr.
Danach wird es – unabhängig davon, wer an der Macht ist – schlicht nicht mehr möglich sein, wie früher bedenkenlos riesige Summen in Entwicklungsprojekte zu stecken. Deshalb wird jeder US-Präsident, der 2028 in dieses Amt gewählt wird, das Land in ein "Zeitalter der Sparpolitik" führen.
Doch es gibt auch Optimisten, die sagen, das sei doch kein Albtraum. Den Albtraum habe man bereits hinter sich. Man müsse sich nur daran erinnern, was unter Präsident Joe Biden los gewesen sei. Damals habe man eine Phase der US-Geschichte durchlebt, die schlimmer gewesen sei als der Bürgerkrieg von 1861 bis 1865: Von 2020 bis 2024 seien 20 Millionen illegale Migranten ins Land geströmt. Hinzu sei ein höchst eigenartiger Polizeistaat gekommen, der seine Härte sehr selektiv eingesetzt habe: Bei Straßenunruhen von Radikalen seien im Zuge von 8.700 Protestaktionen, 2.385 Plünderungen von Geschäften, 624 Brandstiftungen und 574 Angriffen auf die Polizei Sachwerte im Umfang von zwei Milliarden US-Dollar zerstört worden. Und kein einziger Mensch sei dafür verurteilt worden. Das Ziel sei eine Diktatur und eine Einparteienoligarchie gewesen. Nein, Leute, im Vergleich zu diesem Horror sei alles andere erträglich.
Man kann vermuten, dass am Ende etwas dazwischen herauskommt – ein Staat mit harter Sparpolitik und Straßenpogromen. Aber es ist sehr schwer vorstellbar, wie die Amerikaner und die übrigen Westler dann auf mikroskopisch kleine Verschiebungen (ein bis zwei Zehntel Prozent) in den IWF-Prognosen für das BIP-Wachstum der USA oder Chinas reagieren werden. Vielleicht wird man dann ganz andere Sorgen haben als China? Ganz zu schweigen von der Frage, ob dieser IWF dann überhaupt noch existieren wird.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 18. Oktober 2026 zuerst bei "RIA Nowosti" erschienen.
Dmitri Kossyrew ist ein russischer Journalist, Orientalist und politischer Analyst bei "RIA Nowosti".
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