Von Tarek Cyril Amar
Großbritannien erlebt derzeit eine Phase der Kriegsangst. Oder genauer gesagt: Das politische und mediale Establishment des Landes setzt die Bevölkerung einer unerbittlichen Propagandakampagne aus – im aktuellen NATO-Jargon als "kognitive Kriegsführung" bezeichnet –, um den Eindruck eines unmittelbar bevorstehenden Krieges gegen Russland zu erwecken.
Wie nicht anders zu erwarten, wird dieser Krieg natürlich als rein defensiv dargestellt. Ganz nach dem Lehrbuch der Propaganda ist die Botschaft ebenso simpel wie repetitiv: Dem Vereinigten Königreich drohe ein russischer Angriff, und die gesamte Bevölkerung müsse sich darauf vorbereiten, diesem standzuhalten und Widerstand zu leisten.
Dass Moskau wiederholt erklärt hat, keinerlei derartige Absichten zu verfolgen, spielt dabei – versteht sich von selbst – keine Rolle.
Großbritannien ist mit dieser vom Establishment geschürten Hysterie gewiss nicht allein. Ein Großteil des NATO- und EU-Europas erfährt im Grunde die gleiche Behandlung. In Frankreich etwa hat Präsident Emmanuel Macron zu einer theatralischen Krisensitzung geladen, um eine – anders lässt es sich kaum bezeichnen – nationale Schreckensrede über "russische hybride Kriegsführung" zu halten; in Deutschland wiederum hören Berlin und die etablierten Medien nicht auf, die Stimmung rund um den undurchsichtigen Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig-Halle anzuheizen.
Doch inmitten der allgemeinen europäischen Panikmache ist Großbritannien in den vergangenen Wochen durch eine besonders virulente Ausprägung dieses Phänomens hervorgetreten. Den wohl groteskesten Beitrag lieferte dabei der Erz-Tory Jacob Rees-Mogg. Vor einer Kulisse, die geradezu nach der Rechtschaffenheit eines Landedelmanns schrie, dozierte er behaglich über einen Krieg in den kommenden Jahren, über das antike Rom (er war in Eton – das soll man ruhig wissen) und – was am wichtigsten ist – über "Umstände, unter denen Menschen womöglich sterben müssen". Andernfalls drohe – so Rees-Moggs ernste Botschaft – der Niedergang, wie er einst die Römer ereilte: Diese hatten das Kämpfen Söldnern überlassen und dadurch ihr Reich verloren.
Hier gibt es vieles aufzudröseln. Zum einen muss die Bemerkung, andere fürs Kämpfen – und Sterben – zu bezahlen, ein Freud’scher Versprecher gewesen sein. Sir Jacob kann doch unmöglich darauf angespielt haben, wie der Westen – Großbritannien ausdrücklich eingeschlossen – das Kiewer Regime dafür bezahlt hat, seine Untertanen (notfalls nach deren Entführung) in den Wahnsinn des Fleischwolfs eines Stellvertreterkriegs zu schicken, um Russland zu schwächen. Und dann diese Analogie zum Römischen Reich? Offensichtlich tut sich Rees-Mogg – ganz der Alte – immer noch schwer mit der Tatsache, dass der Zusammenbruch des britischen Weltreichs längst hinter dem Land liegt.
Doch so ein griesgrämiger Sonderling er auch sein mag: Der erzkonservative Multimillionär Rees-Mogg ist ein Paradebeispiel für den aktuellen Trend im britischen Establishment. Premierminister Andy Burnham etwa nutzte gerade seine erste Rede vor der UN-Generalversammlung in New York, um die Misere seines Landes nicht etwa seinem Vorgänger und Labour-Parteikollegen Keir Starmer anzulasten, sondern Russland.
Währenddessen präsentiert Sky News dem heimischen Publikum The Wargame" – eine bizarre Mischung aus Dokumentation und Fiktion in vier Teilen, die auf der Prämisse beruht, dass die Russen kommen; nein, dieses Mal kommen sie wirklich, ganz bestimmt!
Die Produktion – so legen es vorliegende Kritiken nahe – gibt vor, ein "realistisches" Szenario für das Handeln einer britischen Regierung im Falle einer Serie eskalierender Angriffe aus Moskau zu zeigen, entpuppt sich jedoch als ungewöhnlich mieser Schund. Mit von der Partie sind abgehalfterte Politiker, die sich als Stars einer "Unreality-TV"-Show gerieren – etwa Michael Gove und Nicola Sturgeon. Sie leben ihren inneren Tom Clancy aus, indem sie vorgeben, als seien sie ernsthaft entschlossen, und vor allem für das Überleben der Nation von entscheidender Bedeutung.
So unfreiwillig komisch"The Wargame" auch sein mag: Die Sendung genießt eindeutig massiven politischen Rückhalt und wird stark gehypt. Propaganda kann leicht lächerlich wirken und zugleich hochgradig toxisch sein. Denn wirksame Propaganda ist im Grunde eines: die psychologische Manipulation der Vielen durch Wenige. Genau das liegt hier vor. Dem Publikum von "The Wargame" wird eine alberne, aber effektvoll inszenierte Geschichte vorgesetzt, die auf das ganze Repertoire altbekannter, aber wirkungsvoller Tricks zurückgreift: Spannung, Schockeffekte und – nicht zuletzt – eine packende Filmmusik.
Es überrascht nicht, dass die Haltung derer, die manipulieren, bestenfalls herablassend ist. Und um selbst dem Unerträglichen gegenüber fair zu bleiben: Jacob Rees-Mogg – der sein Image als englischer Aristokrat so akribisch pflegt, dass es jede Karikatur übertrifft – macht aus seiner Verachtung für gewöhnliche Menschen und deren entbehrliche Leben kein Hehl. Von seinem stets hartnäckig schlecht sitzenden, aber offensichtlich teuren Maßanzug bis hin zur Sprechweise eines entsetzlich gelangweilten, aber nachsichtigen Eton-Schulleiters trieft sein Auftreten nur so vor der guten alten Herablassung der Oberschicht.
Wenn Rees-Mogg einem eröffnet, dass man womöglich sterben muss, weiß man, dass er deswegen keine schlaflosen Nächte haben wird; denn man selbst ist eben man selbst, während er – nun ja – etwas völlig anderes und natürlich auch viel Besseres (und, wie es der Zufall will, auch Reicheres) ist.
In einem Interview mit Sky News enthüllte der britische Generalstabschef der Streitkräfte (Chief of the Defence Staff), Air Chief Marshal Sir Richard Knighton, eine weniger exzentrische, dafür aber umso heimtückischere Herangehensweise an die breite Öffentlichkeit. Unter Verweis auf einen "nationalen Dialog über Verteidigung" setzten sowohl er als auch sein Interviewpartner stillschweigend voraus, dass der Zweck eines solchen Gesprächs darin bestehe, Abhilfe bei dem zu schaffen, was der britischen Öffentlichkeit fehle – was sie schlicht "nicht verstanden" habe.
Was für eine taktvolle Art, einen "Dialog" zu beginnen: "Lassen Sie mich Ihnen erklären, wie verdammt begriffsstutzig Sie sind und wo Sie Nachholbedarf haben." Keineswegs: "Lassen Sie uns Ansichten austauschen und einander als gleichberechtigte Bürger respektieren." Tatsächlich ist es nicht nur höchst unhöflich – was ist nur aus den englischen Manieren geworden? – sondern geradezu orwellsch, eine derart beleidigend selbstgefällige Belehrung als "Dialog" zu bezeichnen.
Marshal Knightons Vorstellung davon, wie die Briten es besser machen können und müssen, war nicht minder aufschlussreich: Im Grunde sollen sie mehr wie die Esten oder zumindest wie die Schweden sein. Denn in Estland gehöre "die Bedrohung durch Russland" zum "normalen Gesprächsalltag", und in Schweden versuche man zumindest, dieselbe zielgerichtete Besessenheit zu erreichen.
Da habt ihr es also, liebe Leute daheim: Strengt euch gefälligst an! Lernt von den Schlimmsten, reißt euch zusammen und richtet euer ganzes Leben nach der Angst aus, die wir euch einimpfen wollen.
Und wehe, ihr bemerkt – wie peinlich eigentlich –, dass ausgerechnet die estnischen Behörden (trotz ihrer sonst rekordverdächtigen Russophobie) gerade alle im NATO- und EU-Europa dazu aufgerufen haben, mal den Ball flach zu halten.
Denn, so erklären uns die unberechenbaren Esten, namentlich der Generalsekretär des Außenministeriums, Jonatan Vseviov, das Narrativ von "Russland vor der Haustür" sei "völlig aufgebauscht worden. Russland nimmt zum Beispiel ein paar Anpassungen auf der anderen Seite des Flusses Narva vor, und sofort verliert die gesamte NATO den Kopf und hyperventiliert deswegen", während es in Wirklichkeit "absolut keinen Grund zu der Annahme gibt, dass Russland in Kürze einen militärischen Angriff auf die NATO, Estland oder die baltischen Staaten starten wird". Hoppla.
Leider ist Kriegspropaganda gegen ihre eigenen Absurditäten, Widersprüche und schlichten Albernheiten weitgehend immun. Denn sie zielt nicht auf die Vernunft ab, sondern auf Angst, Stereotypen und Konformismus. Ein Konformismus, den einige Vertreter des britischen Establishments sogar schon offen durch die Inhaftierung von Andersdenkenden verstärken wollen.
Die eigentliche Schwachstelle dieser Kriegstreiberei mag ihre Arroganz sein. In den sozialen Medien mehren sich die Anzeichen dafür, dass viele Briten wenig Begeisterung für die jüngsten Versuche ihres Establishments zeigen, ihnen Angst einzujagen und sie für einen sinnlosen Krieg zu mobilisieren. Bleibt zu hoffen, dass diese Mischung aus Drohungen und Herablassung – verkörpert durch einen Snob, der so genüsslich abgehoben wirkt wie Rees-Mogg, einen Offizier und Bürokraten, der so plump und taktlos auftritt wie Knighton, und die Macher eines so aalglatten Werks wie "The Wargame" – bei einem Großteil der Bevölkerung auf massiven Widerstand stößt. Die "Eliten" sind wahnsinnig und bösartig. Jede Hoffnung auf Frieden und eine Rückkehr zur Vernunft muss von unten kommen.
Übersetzt aus dem Englischen.
Tarik Cyril Amar ist Historiker an der Koç-Universität in Istanbul. Er befasst sich mit Russland, der Ukraine und Osteuropa, der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, dem kulturellen Kalten Krieg und der Erinnerungspolitik.
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