Ende September 2026 hatte der Stadtrat der sächsischen Mittelstadt Heidenau für gesamtdeutsches und internationales Aufsehen gesorgt: AfD, CDU und das Bündnis Oberelbe hatten einen gemeinsamen Antrag zum Holocaust-Gedenken im Ratsgremium durchgesetzt. Dem letztlich erfolgreichen Antrag zufolge sollte die Stadt keine weiteren Stolpersteinen im öffentlichen Straßen- oder Gehweg-Bereich mehr verlegen lassen.
Vielmehr war der Wunsch der Ratsmehrheit, dass das Gedenken für die Opfer "von Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus" künftig auf einem Areal innerhalb des Nordfriedhofs stattfinden solle. Als Begründung für den Entschluss diente der Hinweis, dass man mit dem Verzicht auf Stolpersteine verhindern wolle, dass Passanten diese respektlos behandelten.
Ein Aufschrei der Empörung prasselte auf die 17.000-Einwohner-Stadt in der Sächsischen Schweiz los. Sogar die Politik auf Bundesebene griff in die Diskussion ein: So sprach Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) gegenüber dem Springer-Medium Bild von einem "Skandal" und argumentierte:
"Wer Stolpersteine und Gedenkorte jüdischen Lebens aus dem öffentlichen Raum auf den Friedhof verbannt, stellt das Sterben über das Leben und macht Jüdinnen und Juden noch einmal unsichtbar."
Auch Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig äußerte sein Unverständnis über die Entscheidung. Seit dem Jahr 1992 hat Demnig laut Stiftungsangaben mehr als 116.000 Stolpersteine verlegt. Die Beton-Steine mit Metallüberzug erinnern meist vor den früheren Wohnhäusern von Opfern des Nationalsozialismus an deren Verfolgung und enthalten Informationen zu deren Lebens- und Sterbedaten. Mittlerweile sind sie nicht nur in Deutschland zu finden, sondern auch in vielen anderen Ländern.
Auch international war die Kritik an der Entscheidung der 13 Stadträte groß. Christoph Heubner, der Exekutiv -Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, sprach in einer Pressemitteilung von einem "durchsichtigen und schäbigen Versuch, Heidenauer Opfer der Nazis erneut aus der Stadt hinauszuwerfen und sie dahin zu entsorgen, wohin das Gedenken nach Meinung der AfD schon längst gehört: Auf den Friedhof." Auch die Zusammenarbeit der Heidenauer CDU mit den örtlichen AfD-Ratsmitgliedern kritisierte Heubner in scharfen Worten.
Die Berliner Botschaft des Staates Israel empfand den Heidenauer Antrag ebenfalls als "beschämend". Mit der Entscheidung werde die Erinnerung an die Opfer der Nationalsozialisten aus den Straßen an den Stadtrand verbannt.
Insgesamt fünf Petitionen wurden gezeichnet, die das Verbot von Stolpersteinen in Heidenau kippen wollten. Doch wie der öffentlich-rechtliche Sender MDR und die zum Springer-Konzern gehörende Welt berichten, hält die Stadtratsmehrheit an der getroffenen Entscheidung fest.
Demnach lehnten am Donnerstagabend zwölf Stadtratsmitglieder die Petitionen ab, fünf standen auf der Seite der Petenten und vier enthielten sich der Stimme. Damit bleibt es dabei: In Heidenau werden keine weiteren Stolpersteine mehr angelegt. Allerdings ist Bürgermeisterin Conny Oertel zufolge auch noch nicht klar, wo der geplante zentrale Gedenkort entstehen soll.
Das Modell des Gedenkens mithilfe von Stolpersteinen ist nicht ganz unumstritten. Neben der Gefahr der Herabwürdigung der Opfer, wenn Passanten auf die in den Steinen verewigten Namen treten, stoßen sich manche auch an den in ihren Augen zu hohen Umsatzzahlen der Stiftung, die das Markenrecht für die Steine innehat.
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