Als NATO-Staat an der Ostflanke stationiere Estland seine Truppen dauerhaft näher an der russischen Grenze und beschaffe Waffen, um in der Lage zu sein, die Ziele tief im Gebiet des Nachbarlandes treffen zu können. Damit bereite sich das Land auf "eine mögliche russische Aggression" nach Beendigung des Konflikts in der Ukraine vor. Dies berichtet die Financial Times (FT) am Montag unter Berufung auf estnische Verteidigungsvertreter.
Die estnischen Militär- und Geheimdienstchefs gingen zwar nicht davon aus, dass Russland einen Konflikt mit dem Militärbündnis anstrebe, zumindest nicht in den kommenden zwei Jahren. Dennoch behaupte Tallinn, dass Moskau sich auf einen möglichen künftigen Konflikt mit Estland vorbereite, so die FT.
Deswegen gehe Estland zu einer Strategie der "aktiven Verteidigung" über. Dieser Begriff sei im Mai ins estnische nationale Sicherheitskonzept eingeführt worden. Seitdem habe das Militär des Landes mit einer "stillen, aber radikalen Umstrukturierung" begonnen, merkt die Financial Times an. "Wir müssen an der Grenze beginnen und schon in den ersten Gefechten siegen", erklärte Oberst Tarmo Kundla, Kommandeur der 1. Brigade Estlands, in einem Gespräch mit dem Blatt. Im Rahmen der neuen Strategie werde diese Einheit dauerhaft von Tapa nach Jõhvi verlegt, etwa 50 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Derzeit würden dort neue Einrichtungen für die Unterbringung der Soldaten errichtet, merkt das Blatt an.
Von Tapa, dem wichtigsten Militärstützpunkt Estlands, würden Elitetruppen derzeit dauerhaft auf Stellungen weiter östlich, näher an die russischen Grenze, verlegt. Neben dem neuen Stützpunkt in Jõhvi entstehe auch in der Grenzstadt Narwa eine Basis für bis zu 1.000 Soldaten.
In diesem Jahr habe Estland seine Militärausgaben um 42 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro aufgestockt, was 5,4 Prozent des BIP ausmache. Diese Angaben hat die Zeitung angeführt. Darüber hinaus beschaffe das Land neue Waffensysteme. Nach Angaben des Blattes habe Tallinn im vergangenen Jahr Verträge über den Erwerb von neun US-amerikanischen HIMARS-Mehrfachraketenwerfern, einschließlich ballistischer M57-Raketen mit einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern, sowie neun südkoreanischen Chunmoo-Mehrfachraketenwerfern mit vergleichbarer Reichweite unterzeichnet.
Die russische Führung hat wiederholt Behauptungen zurückgewiesen, wonach Russland sich auf Angriffe auf europäische Länder und die NATO in den kommenden Jahren vorbereite. "Wir bedrohen niemanden, wir haben nicht vor, jemanden anzugreifen – weder im Jahr 2029 noch im Jahr 2030 noch im Jahr 2050. Sollten wir jedoch mit Aggressionen konfrontiert werden, werden wir gezwungen sein, darauf zu reagieren", sagte der russische Präsident Wladimir Putin in der vergangenen Woche bei einer Plenarsitzung des Waldai-Diskussionsclubs. "Ich möchte noch einmal betonen: Wir bereiten uns nicht auf irgendwelche Kampfhandlungen mit Europa vor, wir haben keine derartigen Pläne und es gibt – was am wichtigsten ist – keinerlei reale Beweggründe für eine Verschärfung der Lage mit Europa", erklärte er im September bei einem Treffen mit Journalisten. Die Äußerungen über eine angebliche Bedrohung durch Russland und die Notwendigkeit, sich auf einen Krieg mit dem Land vorzubereiten, bezeichnete Putin als eine "Provokation" und eine "gezielte Anheizung der Lage".
Die Behauptungen der estnischen Seite, wonach Moskau einen Angriff auf dieses Land plane, habe Russland ebenfalls bestritten. Moskau drohe weder Estland noch anderen europäischen Staaten, werde jedoch Maßnahmen zur Gewährleistung seiner Sicherheit ergreifen, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. "Wir bedrohen weder Estland noch die übrigen europäischen Länder. Sollten jedoch auf estnischem Territorium gegen uns gerichtete Atomwaffen stationiert werden, so werden unsere Atomwaffen auf das Territorium Estlands gerichtet sein", betonte der Pressesprecher des Präsidenten im Februar. So kommentierte Peskow die Erklärungen des estnischen Außenministers Margus Tsahkna, wonach Tallinn die Stationierung von Atomwaffen der NATO-Verbündeten auf dem estnischen Staatsgebiet nicht ausschließe, sollte eine solche Entscheidung im Rahmen der Verteidigungspläne der NATO getroffen werden.
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